Das Korsett


Irgendwann lag es einfach so auf dem Bett.

Ein wunderschönes Korsett aus dunkelrotem Samt mit schwarzer Spitze gearbeitet und einer hochwertigen, weichen, aber festen Kordel hinten. Sie freute sich unglaublich und natürlich probierte sie es sofort an. Es passte perfekt!

Er wünschte sich schon lange, ihre schöne Figur in so einem Korsett zu sehen, es würde ihre weiblichen Rundungen noch besser zur Geltung kommen lassen.

Am Anfang trug sie es nur hin und wieder. Zu besonderen Anlässen. Es war immer ein Highlight.

Mit der Zeit fühlte sie sich so sicher und wohl darin, dass sie es öfter, auch im Alltag, trug.

Er war begeistert. Das entsprach genau seiner Fantasie, dass sie dieses Zeichen seiner Liebe immer an ihrem Körper trug und sich so immer daran erinnerte, zu wem sie gehörte.

Die Jahre vergingen. Das Korsett blieb. Und es formte ihre wunderbare Figur immer weiter, indem sie es Woche für Woche ein ganz klein wenig enger schnürten. Sie trug es nun jeden Tag.

Sie bekamen Kinder und natürlich verzichteten sie während der Schwangerschaften auf das Korsett. Doch recht schnell nach der Geburt legte sie es wieder an.

Es fühlte sich einfach gut an. So stabil. Und sicher.

Natürlich konnte sie mit dem Korsett nicht mehr schnell laufen oder herumspringen. Es war ja doch inzwischen recht eng und ließ nicht viel Luft zum Atmen. Hin und wieder störte sie das ein wenig, vor allem im Alltag mit ihren Kindern.

Aber sie war es ja auch nun schon seit über 8 Jahren gewohnt und kannte es gar nicht mehr anders. Und immer noch überwog das Gefühl von Sicherheit und Stabilität.

Sie trug das Korsett inzwischen Tag und Nacht. Und etwas in ihr sagte ihr, dass das eigentlich zu viel sei.

Dann irgendwann – zwischen Alltag, Korsett und Kindern – begannen sie sich zu streiten. Immer öfter. Dabei ging es auch immer öfter um das Korsett selbst. Sie wollte es nicht mehr so oft anziehen, doch er bestand darauf, schließlich kannte sie es doch jetzt gar nicht mehr anders und außerdem gefiel es ihm so besser.

Doch eines Tages hielt sie es nicht mehr aus.

Sie wachte morgens auf, löste die Schnüre am Rücken und legte das Korsett ab. Sie wusste, dass dies eine bedeutsame Handlung war. Sie hatte etwas entschieden.

Noch am gleichen Tag war alles anders und mit jedem Tag der verging, bemerkte sie, wie sie sich wieder leichter und freier bewegen konnte.

Ihm gefiel das nicht. Es fühlte sich für ihn an, wie eine Entscheidung gegen ihn. Dabei war es das ja gar nicht – es war eine Entscheidung, die sie für sich traf. Ihr selbst zuliebe.

Sie spürte, dass sie diesen Schritt vielleicht zu schnell gegangen war und so legte sie das Korsett ihm zuliebe immer wieder mal dann an, wenn er da war. Doch sie schnürte es nicht mehr so eng.

Eines Tages geschah es, dass er überraschend nach Hause kam und sie das Korsett nicht trug. „Kein Problem“ sagte er schnell. „Ich helfe Dir gerne!“

Und wie früher zog er hinten die Schnüre zu…

Schlagartig blieb ihr die Luft weg! Atemnot.

Wie konnte das sein? So eng hatte sie es doch all die Jahre getragen!! Wie konnte sie nicht bemerkt haben, dass man so gar nicht atmen kann???

Und sie griff nach hinten, riss die Schnüre aus seiner Hand und mit einer Bewegung sich selbst das Korsett vom Leib!

Atmete.

Sie verstand in diesem Moment. Alles.

Dieses Korsett würde sie NIE WIEDER tragen.

Eine Woche später trennte sie sich komplett davon und verkaufte das immer noch erstaunlich gut erhaltene Korsett über eine Anzeige.

Eine Frau, in etwa in ihrem Alter, kaufte es zum Schnäppchenpreis und war richtig glücklich über einen so außergewöhnlich guten Fang.

Doch nur zwei Jahre später war alles anders.

Während sie gerade glücklich in ihrem Wohnmobil herumfuhr und sich über ihre neue Freiheit immer noch freute, klopfte es an ihrer Türe und die damals noch so glückliche Frau schmiss ihr das Korsett vor die Füße mit den Worten: „Du bist schuld, dass man in diesem Korsett gar keine Luft bekommt!“

Sie lächelte die Frau an und sagte: „Nein, das bin ich nicht.“ und legte es wieder zurück ihre Hände. „Aber ich weiß, dass Du es nicht tragen musst, wenn Du es nicht willst, denn wir sind starke Frauen und brauchen so eine Prothese gar nicht.“

Und mit diesen Worten ließ sie den Motor an, fuhr Richtung Sonnenuntergang und ward nie wieder gesehen…


Aus Facebook. Originalbeitrag und Kommentare hier.

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